Aktiv im Alter

Sie könnten mehr Spuren hinterlassen als eine Kuhle im Sofa.

Altes rotes Sofa mit ausgesessener Sitzfläche


Neuigkeiten aus dem Standesamt 

 „Nicht nur rumsitzen, sondern auch was tun!“ So könnte man das Lebensmotto der
60-jährigen Karin Menigart aus Neumünster beschreiben. Die dynamische Hausfrau wollte mehr, als nur ihre Freizeit vor dem Fernseher verbringen. Als sie in der Zeitung von dem „Aktiv im Alter“ Programm las, war für sie klar: „Da muss ich mitmachen!“
Ihr erstes Projekt war eine Bürgerbefragung in ihrer Heimatstadt. Wie lässt sich das Leben der Bewohner über 55 aktiver und besser gestalten? Das Ergebnis war eine lange Liste mit Ideen und Anregungen. Ein Anliegen teilten fast alle Anwohner: Sie wünschten sich einen gemeinsamen Treffpunkt, eine Art Café. Denn so etwas fehlte bislang noch.

Und auch an der Umsetzung dieses Wunsches war Karin Menigart tatkräftig beteiligt. So konnte bereits nach kurzer Zeit in Gadeland, einem Stadtteil von Neumünster, das Bürger Café gegründet werden. Bei der Eröffnung stellte sich dann überraschenderweise heraus, dass viele Besucherinnen und Besucher die Adresse bereits gut kannten: Denn der neue Treffpunkt war bis vor 40 Jahren ein Standesamt gewesen, auf dem so manche Ehe geschlossen wurde. Erst 1970 wurde die zuvor unabhängige Gemeinde Gadeland eingemeindet und das Standesamt daher geschlossen.
Mittlerweile ist die Erinnerung an die Zeit vor der Eingemeindung bei vielen Bewohnerinnen und Bewohnern verblasst. Daher beschlossen Karin Menigart und die Besucher des Bürger Cafés, die Erinnerungen an das Standesamt wieder wachzurufen. Mit Fotos von Frischvermählten, die sich hier vor über 40 Jahren trauen ließen, sollten die Besucherinnen und Besucher an die unzähligen schönen Momente im Standesamt und an die Geschichte von Gadeland erinnert werden - so die Idee für eine ganz besondere Ausstellung an einem ganz besonderen Ort.

Neumuenster_Bild2Großansicht des BildesAuch dieses Paar wurde im Standesamt getraut und ist nun in der Ausstellung zu sehen.

Die dafür nötigen Fotos zu sammeln, kostete einige Mühen: Viele ehemalige Einwohner waren längst weggezogen, nur wenige Fotos hatten sich über die Jahrzehnte gehalten. Mit der Unterstützung der Kirche vor Ort und dem ehemaligen Standesbeamten machten sich die Aktiven auf den Weg und fragten überall nach Hochzeitsfotos. Nach einigen Monaten kamen insgesamt zwölf Bilder von glücklichen Ehepaaren in Schwarzweiß und in Farbe zusammen. Sie alle zeugen von einer Zeit, in der Fotografien noch etwas Kostbares und Seltenes waren. „Heute macht man viel mehr Fotos. Damals wurden die meisten Hochzeitsfotos - wenn überhaupt - vor der Kirche aufgenommen“, erzählt Karin Menigat. Die Fotos erzählen Geschichten über Nachbarn und Freunde im Gadeland, so zum Beispiel über Brigitte Möller. Auch sie beteiligt sich heute am Bürger Café und backt regelmäßig Kuchen für den Treff. Ehrenamtlich, versteht sich. Natürlich war sie eine der ersten, die ihr Hochzeitsfoto beisteuerte. „Ich habe sehr gerne mein Foto zur Verfügung gestellt und bin auch ein wenig stolz darauf, Teil der Ausstellung zu sein“, sagt sie mit einem strahlendem Lächeln. Brigitte Möller heiratete im August 1969 und gehört damit zu einem der letzten Hochzeitspaare, die in Gadeland getraut wurden. Ein besonderes Schmankerl auf ihrem Foto stellen ihre außergewöhnliche Frisur und ihr Kleid ganz im Stil der 60er Jahre dar. „Das mit der Hochzeit kam sehr schnell. Ich war bereits schwanger und da habe ich mir einfach selber ein Kleid genäht: Ganz nach meinen Wünschen“, sagt sie und lacht fröhlich. „Für die Hochsteckfrisur und die volle Haarpracht ernte ich noch heute Komplimente“, erzählt sie stolz und blickt auf das Foto, auf dem sie tatsächlich aussieht wie die junge Claudia Cardinale.

Neumuenster_Bild1Großansicht des BildesBrigitte Möller frisch verheiratet vor dem Standesamt im August 1969. 


Wie bei vielen Fotos ist auch an ihrem Bild die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Die eingereichten Bilder wiesen häufig Knickspuren, Risse und Verfärbungen auf. Unter den Besuchern des Cafés befindet sich auch Karsten Hiller, der Senioren bei der Arbeit mit Computern unterstützt.
In liebevoller Kleinstarbeit überarbeitete er die vielen gesammelten Fotos. Das Ergebnis der monatelangen Arbeit können die Besucherinnen und Besucher ab Januar 2010 im ehemaligen Standesamt von Gadeland bewundern.
Für Karin Menigat steht fest: Dies wird nicht ihr letztes Projekt sein. Sie will weiterhin aktiv mitmachen anstatt das Leben nur an sich vorbeiziehen zu lassen. „Wir dürfen uns nicht nur hinsetzen und sagen: Machen Sie mal! Wir müssen selber aktiv werden und mitgestalten.“