Dokumentation der Tagung "Engagement gestaltet ländliche Räume"
28.04.10
Bei der Tagung „Engagement gestaltet ländliche Räume“ am 24. und 25. Februar 2010 in Berlin-Köpenick befassten sich 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Frage, wie sich der demografische Wandel in ländlichen Regionen auswirkt und welche Rolle bürgerschaftliches Engagement spielen kann.
Veranstaltet wurde die Tagung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Kontext des Programms „Aktiv im Alter“. Mitveranstalter waren die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO), der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) sowie der Deutsche Landkreistag (DLT). Das Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze) übernahm die wissenschaftliche Beratung sowie die Tagungsorganisation. Heinz Janning (Option BE) begleitete als Moderator durch das Programm.
Eröffnungspodium: Engagement gestaltet ländliche RäumeGroßansicht des BildesEröffnungspodium: Engagement gestaltet ländliche Räume.Zum Auftakt diskutierten Dr. Irene Vorholz (DLT), Uwe Lübking (DStGB), Roswitha Verhülsdonk (BAGSO) und Dr. Gertrud Zimmermann auf einem von Prof. Dr. Thomas Klie (zze) moderierten Podium besondere Herausforderungen, die sich angesichts des demografischen Wandels im ländlichen Raum stellen. Alle Diskutanten waren sich darin einig, dass der demografische Wandel die Kommunen neu herausfordert. Die bestehende und noch besser zu kommunizierende Attraktivität ländlicher Räume gilt es neu zu entdecken. Gerade die ältere Generation kann in sehr unterschiedlicher Weise dazu beitragen, dass nicht Schreckensszenarien sondern Kreativität fördernde Gestaltungsaufgaben mit dem demografischen Wandel verbunden werden. Allerdings sei noch längst nicht bei allen Kommunen und Bürgermeistern die Einsicht in die Notwendigkeit der Partizipation Älterer vorhanden. Altenclub und Seniorenfreizeiten verkörpern nicht das Profil einer mitgestaltenden älteren Generation, die sich in der Verantwortung sieht.
Vortrag: Demografische Entwicklung in ländlichen RegionenGroßansicht des BildesProf. Dr. Gabi Troeger-WeißDie Heterogenität des ländlichen Raums und die dementsprechend unterschiedlichen Auswirkungen demografischen Wandels erläuterte Prof. Dr. Gabi Troeger-Weiß (TU Kaiserslautern). Als Konsequenz betonte sie die Notwendigkeit der Steuerung durch die Politik sowie die Durchführung von Leitbildprozessen und demografischem Marketing auf lokaler und regionaler Ebene unter Einbezug der dort angesiedelten Akteure und Bevölkerung.
Vortrag: Soziale Entwicklungen und Engagementpotential in ländlichen RäumenGroßansicht des BildesProf. Dr. Martina WegnerMit der Frage nach sozialen Entwicklungen und dem Engagementpotential befasste sich Prof. Dr. Martina Wegner (Hochschule München) und analysierte dafür vorliegende Daten aus Engagementatlas, Freiwilligensurvey und dem Bericht zur Lage und den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Diese zeigen, dass im ländlichen Raum die Engagementquote höher ist, allerdings in einzelnen Regionen unterschiedliche Ausprägungen erfährt. Ein engerer Zusammenhalt, größere soziale Kontrolle, Auswirkungen bestehender Freizeitangebote auf die Engagementbereitschaft und ein stärkeres auf sich selbst gestellt sein auf dem Land sind hierbei Faktoren, die als Gründe für ein höheres Engagement aufgeführt werden. Im Programm „Aktiv im Alter“, das gezielt Standorte im ländlichen Raum fördert, wird deutlich, dass der Einbezug von Bürgerinnen und Bürgern im ländlichen Raum gewünscht und deren Gewinnung für Partizipation möglich ist. Hierbei sind die Vernetzung mit allen kommunalen Partnern sowie die Unterstützung durch Verwaltung und Politik noch nicht ausreichend. Als wichtige kommunale Aufgaben werden die Aktivierung und der Einbezug älterer Menschen gesehen sowie die Darstellung von Engagementmöglichkeiten. Begegnungsmöglichkeiten, Freizeitangebote, Mobilität und Infrastruktur sind hierbei zentrale Engagementfelder.
Vorstellung der Leitthesen der TagungGroßansicht des BildesDr. Erika NeubauerDr. Erika Neubauer (BAGSO) stellte die Leitthesen zur Engagementförderung in ländlichen Räumen vor, die von Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in vier Workshops von Mai bis November 2009 entwickelt wurden. Leitthesen
1. Ländliche Räume bleiben lebendig und entwickeln ihre Potenziale, wenn sie ihre jeweiligen Stärken nutzen und dabei die Menschen ihrer Region einbeziehen.
2. Die Kommunen sollen Innovateure des bürgerschaftlichen Engagements identifizieren und fördern und so zu Innovationsmotoren werden.
3. Formen des alten und neuen Ehrenamtes bestehen nebeneinander und können voneinander lernen. Dadurch können sich neue Impulse zur Gestaltung des Miteinanders ergeben.
4. Begegnungsmöglichkeiten, die Kristallisationspunkte für die örtliche Gemeinschaft bilden, müssen erhalten bleiben oder neu geschaffen werden.
5. Mobilität stellt eine wesentliche Grundlage für die Teilnahme aller Menschen am öffentlichen Leben dar. Gute Erreichbarkeit ist eine wichtige Voraussetzung für Engagement.
6. Bildungsangebote sollen gezielt für die ländlichen Räume weiter entwickelt werden. Auch durch den Einsatz neuer Technologien kann Bildung erreichbar gemacht werden.
7. In ländlichen Gemeinden gelingt Partizipation in kommunalen Planungsprozessen häufig besonders gut. Die Gewährleistung politischer Mitgestaltung und Verbesserung der Mitbestimmungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger sind konstitutive Bestandteile der Engagementförderung.
8. Die Kommunen sollen miteinander kooperieren und ihre Zusammenarbeit auch unter dem Aspekt der Engagementförderung intensivieren. Durch den Einbezug von Akteuren aus der Zivilgesellschaft können die Vorhaltung der kommunalen Infrastruktur sowie die Daseinsvorsorge sinnvoll ergänzt werden.
Workshops zu den Leitthesen
Das Workshopangebot orientierte sich an den Leitthesen zur Tagung. PraktikerInnen und ExpertInnen aus den einzelnen Themenfeldern stellten in einem Input ihre Erfahrungen mit dem jeweiligen Thema vor und diskutierten diese sowie die dazugehörige These mit den TeilnehmerInnen.
Workshop 1:Großansicht des BildesWorkshop "Sich auf die eigenen Stärken besinnen"Sich auf die eigenen Stärken besinnen
Referat: Bürgermeister Matthias Lühn, Samtgemeinde Lengerich
Moderation: Silke Marzluff, Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung (zze)
Workshop 2:Großansicht des BildesWorkshop "Innovateure identifizieren und Innovationsmotor werden"Innovateure identifizieren und Innovationsmotor werden
Referat: Dr. Christine von Blanckenburg, nexus Institut für Kooperationsmanagement und interdisziplinäre Forschung
Moderation: Jens Bechtloff, Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros / Seniorenbüro Frömmstedt
Workshop 3:Großansicht des BildesWorkshop "Altes und neues Ehrenamt verbinden"Altes und neues Ehrenamt verbinden
Referat: Bürgermeister Ingo Hacker, Gemeinde Neuhausen auf den Fildern
Moderation: Dr. Klaus Zeitler, SIREG Mangolding
Workshop 4:Großansicht des BildesWorkshop "Chancen der Nähe für Bürgerbeteiligung nutzen"Chancen der Nähe für Bürgerbeteiligung nutzen
Referat: Bürgermeister Michael Pelzer, Gemeinde Weyarn
Moderation: Dr. Thomas Gensicke, TNS Infratest Sozialforschung
Workshop 5:Großansicht des BildesWorkshop "Begegnungsmöglichkeiten erhalten und ausbauen"Begegnungsmöglichkeiten erhalten und ausbauen
Referat: Bürgermeister Günther Noß, Gemeinde Gülzow
Moderation: Roswitha Kottnik, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland
Workshop 6:Großansicht des BildesWorkshop "Bildungsangebote durch neue Technologien und Lerngruppen ergänzen"Bildungsangebote durch neue Technologien und Lerngruppen ergänzen
Referat: Christian Carls, Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Daniel Hoffmann, Kuratorium Deutsche Altershilfe / Forum Seniorenarbeit NRW
Moderation: Uta-Maria Kern, Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum
Workshop 7:Großansicht des BildesWorkshop "Mobilität und Erreichbarkeit gewährleisten"Mobilität und Erreichbarkeit gewährleisten
Referat: Petra-Juliane Wagner, Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg
Moderation: Landrat Peter Hengstermann, Kyffhäuserkreis
Workshop 8:Großansicht des BildesWorkshop "Kooperation von Kommunen"Kooperation von Kommunen
Referat: Michael Stein, Schwarzenbach a. d. Saale
Moderation: Michael Struckmeier, Landkreistag Sachsen-Anhalt
Zusammenfassung der Workshops
Aus den Workshops wurden jeweils wichtige Ergebnisse und Anregungen zusammengefasst. Obgleich die Workshopthemen unterschiedliche Ausgangs- und Schwerpunkte hatten, ähneln sich die Empfehlungen und Ergebnisse stark. Aus diesem Grund werden sie hier kompakt dargestellt:
- Beteiligung zulassen: Der Einbezug von lokalen AkteurInnen und BürgerInnen ist wichtig, um deren Blickwinkel zu erfassen und die Ressourcen einzubeziehen, beispielsweise im Rahmen von Leitbildprozessen, Dorfwerkstätten oder Bürgerforen. Wie weitgehend BürgerInnen in Entscheidungs- und Planungsprozesse eingebunden werden, ist im Einzelfall zu regeln. In Weyarn beispielsweise wurde ein komplexes Beteiligungsmodell erarbeitet, das ein neues Verhältnis von BürgerInnen und Politik herbeiführte.
- Ressourcen bereitstellen: Für viele Bereiche ist die Bereitstellung von finanziellen und personellen Ressourcen wichtig. So bedarf z.B. die Begleitung von Ehrenamtlichen und die Koordination dieser professioneller Unterstützung.
- Externen Rat einholen: bei vielen Projekten ist es hilfreich, sich extern begleiten zu lassen, um zum einen vom Blick von außen zu profitieren und zum anderen eine neutrale Person z.B. bei der Moderation kontroverser Gespräche zu haben. – Für eine breite Akzeptanz ist deshalb auch der Auswahlprozess bedeutsam.
- Strukturen schaffen und Informationsfluss gewährleisten: Das Zusammentreffen relevanter Akteure, Austausch von Informationen und transparente Kommunikation sind notwendig, um eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit zu ermöglichen.
- Wirtschaftskraft der Region ist ein wichtiger Faktor: für Angebote, die eine Gemeinde machen kann spielt es eine Rolle, ob eine Gemeinde/ Region finanziell gut ausgestattet ist. Mit einer finanziell soliden Ausgangsbasis lassen sich Engagementförderung, neue Angebote und die Etablierung von Beteiligungsprozessen leichter gestalten. Örtliche Unternehmen sollten gezielt in Entwicklungsprozesse eingebunden werden.
- Daten erheben: Harten Daten helfen zum Teil in der Diskussion mit politischen Entscheidungsträgern. Hier ist zum einen eine eigene Datenerhebung sinnvoll, zum anderen kann auf bestehende Datenbanken zurück gegriffen werden, wie z.B. auf der Website "Wegweiser Kommune".
- Ausdauer beweisen: Veränderungsprozesse sind langwierig. Deshalb ist es wichtig einen „langen Atem“ zu haben und nicht zu erwarten, Strukturen schnell verändern zu können.
Rede: Politik für ein aktives Alter auf dem LandGroßansicht des BildesMinisterialdirektor Dieter Hackler (BMFSFJ)
Ministerialdirektor Dieter Hackler (BMFSFJ) stellte in seiner Rede heraus, dass ländliche Regionen als lebendige Regionen erhalten werden sollen. Dabei würdigte er das Engagement älterer Menschen in der Politik und Gesellschaft.
Vortrag: Entwicklungspotential im ländlichen Raum – Wer sind die Akteure?
Auf Entwicklungspotential im ländlichen Raum ging Dr. Reiner Klingholz (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) ein. Anhand der Beispielregionen Oldenburger Münsterland und Müritz zeigte er auf, welche Rolle „starre Rahmenbedingungen“ wie die Geschichte einer Region, Großansicht des BildesDr. Reiner Klingholzattraktive Natur, ertragreiche Böden, Kulturdenkmäler sowie „flexible Rahmenbedingungen“ wie Selbstbild und Infrastruktur für die Entwicklung von Regionen spielen. Das Erkennen und die Nutzung vorhandener Potenziale sowie eine innovative Gestaltung und Entwicklung individueller Ansätze in ländlichen Regionen durch Akteure vor Ort, z.B. im Bereich schulischer Bildung, können positive Entwicklungen bedingen.
Vortrag: Demografische Entwicklung in EuropaGroßansicht des BildesProf. Dr. Ursula LehrSchwerpunkt des zweiten Tags war der Blick ins europäische Ausland. Prof. Dr. Ursula Lehr (BAGSO) stellte aktuelle Daten zum demografischen Wandel in Europa vor: Ländlicher Raum ist nicht nur in Deutschland sehr vielfältig, sondern auch in Europa, weshalb nicht von „dem“ ländlichen Raum gesprochen werden kann. Entwicklungen wie die Zunahme der Lebenserwartung, eine steigende Zahl hochaltriger Menschen, veränderte familiäre Strukturen und eine geänderte Pflegebereitschaft finden sich ebenfalls in anderen europäischen Ländern. In Deutschland wie in den Mitgliedsstaaten der EU gilt es die wohnortnahe Versorgung sicherzustellen, Mobilität und Barrierefreiheit zu gewährleisten und Engagement zu fördern und wertzuschätzen. Mit dem Motto „gut tun – tut gut“ betonte Prof. Lehr den doppelten Nutzen von Engagement: zum einen profitiere die Gesellschaft, zum anderen jedoch auch der Mensch selbst, der sich freiwillig engagiert.
Podiumsdiskussion: Spiegelung der Leitthesen durch internationale ErfahrungenGroßansicht des BildesPodiumsdiskussionVertieft wurden diese Informationen durch die von Dr. Markus Mempel (DLT) moderierte Podiumsdiskussion mit Maria-Anna Moosbrugger (LandRise, Österreich), Henk Bakkerode (Berater des Ministers für Gesundheit, Gemeinwohl und Sport, Niederlande), Peter Wetzel (Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben, Aufbau von Seniorenbüros in Russland) und Dr. Hans-Liudger Dienel (nexus Institut, Deutschland).
Bei der Diskussion zeigte sich, dass die Diskussion in Deutschland in einigen Bereichen bereits weiter vorangeschritten ist als in anderen Ländern: In den Niederlanden wird das Thema demografischer Wandel erst langsam aufgegriffen, in Deutschland wird das Thema bereits wesentlich länger diskutiert. In Russland gälten aufgrund der Größe des Landes völlig andere Dimensionen. Zudem sei eine aktive Zivilgesellschaft politisch nicht gewünscht und eine vergleichbare Tagung zu sozialen Fragen und bürgerschaftlichem Engagement nicht denkbar. Auf der anderen Seite ist beispielsweise in den Niederlanden die Engagementquote wesentlich höher als in Deutschland und ehrenamtliche Aktivitäten selbstverständlich. In der Region in Vorarlberg in Österreich wird Bürgerbeteiligung intensiv gefördert und dabei auf den stärkeren Einbezug von jüngeren und älteren Menschen geachtet.
Zum Abschluss der Diskussion wurden einige Empfehlungen mit auf den Weg gegeben: Bürgerbeteiligung solle ernst genommen und in partizipativen Prozessen gefällte Entscheidungen auch umgesetzt werden, so der Rat von Maria-Anna Moosbrugger. Dr. Hans-Liudger Dienel wies darauf hin, dass es interessant sein könne, sich stärker mit Ansätzen gerontokratischer Gesellschaften wie z.B. in Indien zu befassen und zu erwägen, welche Vorteile sich aus einem solchen Ansatz für die Politik ergäben. Peter Wetzel empfahl, sich etwas von der „russischen Mentalität“ anzueignen und Emotionen stärker einzubinden, da diese bei Menschen nachhaltiger wirkten als rationale Argumente.
Verabschiedung mit Hand und Fuß – ein Stimmungsbild zu den LeitthesenGroßansicht des BildesVerabschiedung mit Hand und Fuß - Heinz JanningZum Abschluss der Tagung wurden von Heinz Janning die Leitthesen der Tagung nochmals aufgegriffen und die Zustimmung der Teilnehmenden abgefragt. Hierfür wurden die Teilnehmenden gebeten aufzustehen, so sie den Thesen zustimmen. Dem Aufruf folgten die Teilnehmenden und verdeutlichten, dass die Thesen auf positive Resonanz stoßen. Dr. Gertrud Zimmermann bekräftigte zum Abschluss, dass die Thesen im Anschluss an die Tagung nochmals überarbeitet werden und eine Diskussion über Umsetzungsmöglichkeiten folgen werde.

